Danke. Dafür, dass du uns immer fragst, woher wir kommen, aber niemals, wohin wir gehen.
Danke dafür, dass wir nicht aus unserer Haut hinaus können und dafür, dass du uns daran denken lässt, aus unserer Haut hinaus zu wollen.
Vielen Dank, dass du unsere Namen merkwürdig findest und sie geographisch nicht einordnen kannst. Und danke dafür, dass du uns immer wieder die Schuld einreden willst, uns diese Namen ausgesucht zu haben.

Danke dafür, dass du dich nirgendwo als Ausländer empfindest, aber hier das Grundgesetz missachtest und alle Leute ausweisen möchtest, ungeachtet ihres deutschen Passes. Für dich sind sie selbstverständlich trotzdem nicht deutsch genug.

Wir möchten uns dafür entschuldigen, dass wir deine Sprache besser können als du und dich auf sprachliche Fehler wie zum Beispiel deine falsche „als-wie“-Benutzung aufmerksam machen. Und, nein, das ist kein Dialekt – es ist ein Grammatikfehler (auch wenn „als“ und „wie“ in ihrem Wortursprung dasselbe bedeuten – aber das weißt du sicherlich).
Wir möchten uns ebenfalls dafür entschuldigen, nicht nur eine Sprache zu können, sondern gleich mehrere. Es tut uns leid, dass du dich dadurch bedroht fühlst.

Es tut uns leid, dass unser Migrationshintergrund oft einige Generationen zurückliegt und wir dadurch die Sprache unseres sogenannten Ursprungslandes erst später lernen und Deutsch unsere Muttersprache ist.

Sind wir im Ausland, sind wir die Deutschen – sind wir hier, sind wir Ausländer. Fremde.

Es tut uns leid, dass manche von uns Bärte tragen und dir dies Angst bereitet. Natürlich werden wir uns für dich rasieren; schließlich bist du ja die Mehrheit und bestimmst über uns.

Und wenn uns in diesem Land etwas nicht passt, wirst du uns freundlich darauf hinweisen, dass wir es ja einfach verlassen könnten.

Du denkst, du bist das Volk? Darauf können wir nur antworten: Hoffentlich nicht.

Ohne Titel

Ein kleiner Moment der Stille. Für eine Sekunde ist alles ruhig. Die Blätter, die vom Baum fallen, bleiben in der Luft stehen.
Die Herbstluft gehört gerade nur dir. Du genießt den Atemzug, während alles um dich herum langsamer wird. Du atmest aus.
All diese Fenster voller Menschen, und du glaubst, nur wenige von ihnen wirklich zu kennen.
Wenig später hörst du wieder die Autos, die Gespräche von überall her, die Stadtgeräusche. Der Augenblick ist vorüber; nichts kann ihn zurückholen. Nur im Kopf kann man sich ihn in Erinnerung rufen.
Eine warme Hand geleitet dich sanft durch die Straßen. Du springst durch Pfützen, balancierst vorsichtig auf dem Bordstein und siehst dir die Welt an.
Sie ist schön. Schön, aber auch gefährlich.
Später versinkst du in deinem Kissen. Während alles um dich herum verschwimmt, freust du dich auf den nächsten Tag. Die leisen Geräusche aus dem Wohnzimmer beruhigen dich und langsam fällst du in einen tiefen Schlaf.
Was wirst du heute Nacht träumen? Was wirst du für Erinnerung mitnehmen und was wirst du morgen anders machen?
All das steht in den Sternen. So wie unsere nahe Zukunft.

Wer ich gestern noch war

… oder: Wie der innere Monolog einiger Mitmenschen aussehen könnte.

So ideenreich, wie mein Leben begann, so einfallslos nimmt es nun seinen Lauf.

Mit 20 dachte ich, ich muss etwas Ordentliches aus mir machen; damit meine Eltern zufrieden waren. Damit man mich achtete, mich nicht von oben herab behandelte.
Und wenn ich keine Lust mehr auf einen langweiligen Job hätte, würde ich einfach Rockstar werden.
Doch das passierte nie. Ich blieb bei meinem Job.
Wenn man jeden Tag ein- und dasselbe tut, dass stumpft man ab – ganz egal, wo man arbeitet. Und ich sehe jeden Tag im Spiegel, dass meine Mundwinkel immer weiter nach unten zeigen. Ich gehe nicht mehr so oft zum Friseur. Kümmere mich nicht mehr so sehr darum, wie andere mich wahrnehmen.
Eher würde ich behaupten, dass ich mich selbst kaum wahrnehme.
Ich würde fragen, warum ich hier bin, was mein Sinn, mein Platz ist in dieser Welt; aber das tue ich nicht mehr. Ich bin hier, weil ich hier bin.

Geht ein Tag vorbei, bleibt nichts von ihm übrig. Ich kann ihn nicht mehr zurückholen, ihn nicht mehr fassen. Ich habe kein Gefühl mehr für Konsequenzen. Es fühlt sich so an, als würden die gestrigen Ereignisse die heutigen nicht beeinflussen.
Nach der Arbeit passiert nichts mehr. Ich starre minutenlang in den Kühlschrank. Und dann stundenlang auf den Fernseher.

Es gibt nichts mehr, was mich antreibt. Meinen Urlaub trage ich wahllos in die Lücken der anderen hinein, denn ich fahre ohnehin nicht weg. Höchstens mal für ein paar Tage, aber eigentlich möchte ich gar nichts mehr sehen.

Aber was möchte ich dann? Auf die Frage habe ich keine Antwort, denn sie wird mir nie gestellt.

Ich verschlafe oft, weil niemand da ist, der mich darauf aufmerksam machen könnte, dass ich aufstehen muss.

Eines Tages wird das alles vorbei sein. Die Frage wird dann lauten, wer ich sein werde.

Ein Trugbild

Ich weiß, was du denkst, wenn du jemanden nur schweigend ansiehst. Ich weiß, was du sagen würdest, wenn du ehrlich wärst. Ich weiß, was du tun würdest, wenn du nichts zu verlieren hättest.
Aber das hier ist nicht das Leben, für dich ist es nur Politik. Wenn du jemanden in deiner Nähe hast, sind es keine Freunde, sondern Opportunisten. Du bist ironisch und sarkastisch und redest nur mit vorgehaltener Hand über das, was dich wirklich bewegt.
Doch auch dann kann sich niemand sicher sein, ob du wirklich meinst, was du sagst.
Nur ich weiß, wer du wirklich bist. Und nur ich weiß, was du wirklich willst.
Dein Weg führt dich steil nach oben, während du zwischen den Leuten stehst, die sich alle völlig verschiedene Bilder von dir gemacht haben.
Du bist witzig, du bist schüchtern, du bist extrovertiert, du bist links, du bist konservativ, du bist empathisch, dir ist alles scheißegal, du bist handelst impulsiv, du handelst gelassen, du rauchst, du rauchst nicht.
Jeder sucht sich selbst zusammen, wie er dich sieht. Doch eigentlich sieht dich keiner außer mir.
Denn ich bin genauso wie du. Und wenn wir beide jemanden ansehen, müssen wir nichts sagen. Ich weiß, was du denkst. Du weißt, was ich denke.
Wir werden wohl unser Leben lang so weitermachen. Wir tragen den härtesten Panzer, den es gibt: die Illusion.

Polaroid Picture

Inspiriert zu diesem Text hat mich der Song „Polaroid Picture“ von Frank Turner, der inhaltlich allerdings ein klein wenig anders ist.

Es war ein kalter Dezembermorgen. Ich weiß noch genau, wie ich in diesem Supermarkt stand, mit einem dicken Schal eingewickelt und gedankenverloren ins Regal blickte, auf der Suche nach einem guten Tee.
Merkwürdig, worüber ich an diesem Tag nachdachte. In meinem Kopf waren die Arbeit, irgendwelche Rechnungen, Sportergebnise…
Und gerade als meine Hand nach dem Tee greifen wollte, war da plötzlich eine andere.
„Du magst also auch Earl Grey“, sagte sie und lächelte mich an.
Ich lächelte zurück und fragte mich, wer da vor mir stand. Doch komischerweise kam sie mir vertraut vor.
„Ja“, antwortete ich.
Ich zögerte einen kurzen Moment und betrachtete ihre leuchtenden Augen und ihr blondes Haar.
Wir kamen ins Gespräch und es dauerte sicher nicht lange, doch in meinen Erinnerungen ist alles wie in Zeitlupe.
Auf diesen Tag folgten viele Abende, und einige davon verbrachten wir zusammen.
Jetzt kennen wir uns seit ein paar Monaten und ich nehme dieses Foto mit dir zusammen auf, damit ich niemals vergesse, was ich nicht verlieren darf.
Denn nach jedem Streit, jeder noch so schwierigen Lage werde ich es mir ansehen und wissen, warum es wert ist, für uns beide zu kämpfen.

Willst du…

Du kennst das Gefühl, wenn du morgens aufstehen musst und du dich einfach nur danach sehnst, zumindest noch fünf Minuten liegen zu bleiben. Wenn du es erst mal geschafft hast, dich aus deinem Bett hochzustemmen und dich fertigzumachen, denkst du an deinen Job, daran, was du letzte Nacht geträumt hast und was du gestern gemacht hast.
Und irgendwie denkst du nur darüber nach, wie du den heutigen Tag überlebst und eventuell noch darüber, was du wohl erleben wirst.

Und eigentlich ist das alles totaler Quatsch. Wir beide wissen doch, dass wir nicht deswegen aufstehen, weil wir es so wichtig finden, irgendeinen Kram zu erledigen. All die Sachen, die wir uns Tag für Tag kaufen, um uns weniger alleine zu fühlen, sind nur Ablenkung.
Nein, in Wahrheit stehen wir nicht auf, weil wir eine berufliche Laufbahn als das wichtigste erachten. Wir gehen nicht hinaus in die Welt und denken uns, dass wir das wohl auch all das machen würden, wenn wir im Lotto gewonnen hätten.

Nein, wir stehen in Wahrheit deswegen jeden Tag auf, weil wir darauf warten, uns endlich zu begegnen.
Ich habe keine Ahnung, wie du heißt oder wie du aussiehst, oder wer du eigentlich bist. Doch ich weiß, dass ich dich erkennen werde, wenn es soweit ist.
Jedes Feierngehen, jedes unbeholfene Ansprechen von irgendwelchen Frauen in Clubs, das alles ist nur eine Fassade. In Wahrheit hoffe ich, dass du vielleicht irgendwo unter diesen Frauen bist, und hoffe, dass ich es bemerken würde, dass ich dich an deinem „Hi“ erkennen würde.
Vielleicht sind wir sogar schon einander vorbeigelaufen, und wissen nicht mal, wie nah wir dem anderen sind. Oder du bist ganz am anderen Ende der Welt und wir müssen ein riesiges Glück haben, wenn wir uns überhaupt irgendwie über den Weg laufen wollen.

Ich glaube allerdings auch, dass bis dahin noch einige Jahre vergehen werden. Wir werden bis dahin noch sehr viele Erfahrungen sammeln und vermutlich werden auch viele Steine auf unseren Wegen liegen.
Aber das macht nichts, denn schließlich hoffen wir darauf, dass sich unsere Wege irgendwann kreuzen.
Wir sind nicht gut alleine. Das wissen wir.

Der Wind und seine Sehnsucht

Auf meinem Weg begegnest du mir oft. Ich sehe dein Haar, deine Augen, doch ich kenne deinen Namen nicht. Wer du wohl bist, mit deinem veträumten Blick und deiner inneren Ruhe.
Auch heute sah ich dich, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Ich wollte etwas zu dir sagen, doch ich konnte es nicht. Jedes einzelne Wort hätte mein Bild von dir zerstört: Etwas Heiles in dieser Welt, die so zerbrochen ist. Denn vielleicht bist du gar nicht so, wie ich es mir vorstelle.
Also gehe ich weiter, ehe du merkst, dass ich existiere. Ich weiß, es ist unverschämt, aber vielleicht wäre es auch unverschämt, dich einfach so anzusprechen; dich aus der Ruhe zu bringen.
Manchmal überlege ich, was ich überhaupt sagen würde, und dann fällt mir rein gar nichts ein. Mein Kopf ist so voller Gedanken, dass ich mich innerlich überschlage und keinen einzigen greifen kann.
Doch dies hier ist für dich. Hiermit schreibe ich auf, was ich empfinde, wenn ich in deiner Nähe bin. Und einen Augenblick später bin ich auch schon weg.